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Wie viele Omas und Opas kann man haben?
![]() Collage von Kathleen |
Als ich meine Schullaufbahn 2002 mit dem Abitur abgeschlossen hatte, wollte ich ursprünglich sofort Medizin studieren. Jedoch kamen mir Zweifel, ob dies der richtige Weg für mich ist. Weiterhin fehlte mir eine ausreichende Motivation, von der Schulbank direkt in die Vorlesung zu gehen. Durch viel Glück bot sich mir die Möglichkeit, ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) im AWO Seniorenpflegeheim in Jena zu leisten. So begann am 01. September 2002 ein neues Kapitel in meinem Leben.
Ich hatte keine Vorstellung davon, was mich erwarten wird. Weder hatte ich zuvor fest gearbeitet, noch hatte ich viel mit alten Menschen zu tun, Schichtarbeit war mir völlig fremd. Im Regelfall hat ja jeder nur zwei Omas und zwei Opas. So war ich gespannt auf das Neue, hatte aber auch etwas Angst, meiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Die Ängste waren schnell beseitigt, da ich sehr lieb von meinen KollegInnen im Seniorenheim aufgenommen wurde. Ich wusste von Anfang an, dass ich mich bei Problemen jederzeit an sie wenden kann. Auch das erste Unbehagen, einen alten Menschen nackt zu sehen und ihn zu pflegen, wich schnell dem Gefühl des "Gebraucht-werdens". Dieses Gefühl und die große Dankbarkeit der Senioren gab mir jeden Tag mehr die Bestätigung, dass es richtig war, ein FSJ zu leisten.
Natürlich gab es auch Schattenseiten. Noch nie wurde ich mehr mit menschlichen Gebrechen, Krankheiten und Tod konfrontiert, als in diesem Jahr. Es war für mich selbst eine große Ungewissheit, wie ich damit umgehe, wenn ich sehe, dass ich einem Menschen nicht mehr helfen, sondern ihm nur die verbleibende Zeit so angenehm wie möglich gestalten kann. Sehr schnell habe ich die "Omas" und "Opas" in mein Herz geschlossen und dementsprechend traurig machte es mich zu sehen, wie Krankheiten fortschreiten, wie hilflos man manchmal ist. Groß war Freude, wenn bei jemandem eine Verbesserung eintrat, es wieder etwas aufwärts ging. Schön war es auch, dass ich oft schon am Morgen mit einer Umarmung von den BewohnerInnen begrüßt wurde, einfach aus dem Grund, dass ich wieder da war. So viel Herzlichkeit hätte ich nie erwartet in solch einem Heim. Sicherlich benötigt man etwas Abstand, denn das Senioren-/Pflegeheim ist die letzte Lebensstufe der BewohnerInnen. Jedoch ist es wichtig, menschlich zu bleiben und nicht abzustumpfen, auch wenn der schmale Grat zwischen Leben und Tod oft gegenwärtig ist, denn dann wäre der Beruf verfehlt. In „meiner“ Einrichtung gab es damit keine Probleme, was mich stolz gemacht hat, dazu zu gehören und anerkannt zu werden - wenn auch nur für ein Jahr.
Oft wurde ich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, eine Lehre als Altenpflegerin anzufangen, vielleicht sogar in meinem Seniorenheim. Dies musste ich verneinen. Das Jahr war eine sehr große Bereicherung für mich: sei es die Arbeit, die Akzeptanz im Team, die Erfahrungen, die ich im Umgang mit Menschen sammeln konnte oder das neue Wissen über Krankheiten und Pflege ect. Aber auf Dauer wäre die Altenpflege nichts für mich. Manchmal ist es eine echte „Knochenarbeit“. Mich persönlich stört der Eindruck, dass der Spielraum, etwas zu verändern, zu erneuern fehlt, da alles sehr festgelegt ist und das man bei alten Menschen nicht mehr so viel erreichen kann wie bei Kindern und Jugendlichen.
Viele wollten mir immer wieder einreden, dass das Jahr doch eigentlich verschenkt sei, aber dazu kann ich nur sagen: ich bereue es keine Sekunde. Was ich in diesem Jahr gelernt habe - auch über mich selbst - kann mir keiner mehr nehmen. Außerdem habe ich viele Menschen kennen gelernt.
Meine Zukunftspläne haben sich geändert. Ich werde dieses Jahr mit dem Studium beginnen, jedoch studiere ich nicht mehr Medizin, sondern Jura. Diese Veränderung hat nichts mit dem FSJ zu tun, sondern ist eine gut überlegte persönliche Entscheidung.
Abschließend kann ich sagen, dass das FSJ eine sehr gute Sache für diejenigen ist, die noch nicht genau wissen, welchen Beruf sie erlernen wollen. Also für junge Leute wie mich, die sich austesten oder einfach in einem sozialen Bereich engagieren möchten.
Kathleen Apel
Senioren-/Pflegeheim Jena



